Workshops April 2017

Workshops Mittelschule Pullach, 24.4.2017

Die Atmosphäre wirkt sehr angenehm, eine entspannte und engagierte Sozialarbeiterin, ein ruhig wirkender Rektor.
In der Aula, wo wir uns treffen, gibt es frisches Obst und Gemüse und die Jugendlichen machen Brotzeit. Die Schüler zwischen 16 und 18, größtenteils Migranten, sind schon versammelt. Einer sieht aus wie James Dean, ein anderer fragt etwas in gebrochenem Deutsch, aber man merkt, dass er sich in der Schule zu Hause fühlt.
Die meisten sprechen gut deutsch und lernen in der Schule englisch.
Es ist der 1. Tag nach den Osterferien, sie haben Alltagskleidung an.
Vor den Ferien hatten sie 12 Wochen lang ein Tanzprojekt über „Tanz und Schule“,
geleitet von Andrea Marton und einem Break dancer.

Wir sind in der Turnhalle. Andrea stellt uns alle vor.
Ich frage, ob ich filmen darf. Das stößt auf keine Begeisterung.
Afghanische Mädchen sind da sehr empfindlich.
Als Walter die Schüler bittet in einen Kreis zu kommen, passiert gar nichts.
Philipp geht rein, spricht sie direkt an.
Sie sind träge, irgendwann ist ein Kreis oder so was ähnliches da.
Philipp geht zu jedem, fordert auf seinen oder ihren Namen zu sagen, laut, manchmal eine Geste dazu oder ein Schulterklopfen oder ein Lachen.
Dann folgen Aufwärmübungen von Walter und Fahrud.
Die Schüler kommen langsam in Gang.
Große Schüchternheit, sich beobachtet fühlen, die anderen.

Ein Mädchen beschwert sich, machen wir hier Yoga oder tanzen wir?
Philipp und die anderen haben Atmen, kräftig ein- und ausatmen in ihre Übungen eingebaut.
Philipp holt sie vor, legt den Arm um sie, wiederholt die Frage und spielt sie Walter zu, das Mädchen will unterbrechen:
Walter is explaining to you. Listen to him!
Walter erklärt, dass Tanzen und Atmen zusammengehöre.
Die Muskeln brauchen Atem, der Kopf, ohne Atem könne man nicht tanzen und Atemübungen würden helfen, ganz in seinen Körper zu kommen.
Dancing is Breathing!

Es geht weiter. Immer wieder fordert Philipp: Gesicht zu mir!, um die Konzentration zu sammeln, unterstreicht mit Gesten.
Einige Schüler steigen aus, cool sein oder sie packen die herausfordernden Bewegungen nicht.
Andere, wie ein molliger Junge, tanzen sich mit echtem Groove in die erste Reihe, weil ihm die Jungs in der zweiten Reihe zu lasch sind.
Andere beobachten und nehmen sich dann die Bewegungen raus, die sie können.
Am Ende Freestyle. Fahrud, Walter und Philipp zeigen spektakuläre Break Dance moves. Wow!

Kleine Anekdote am Rande:
Als wir auf die S-Bahn warten, nähert sich uns eine ältere dunkelhäutige Frau:
Where are you from? Which language you talk?
Uganda. Fahrud deutet auf mich und grinst: she too.
Die Frau stellt sich als Südafrikanerin mit indischen Wurzeln heraus, seit 28 Jahren mit einem deutschen Mann verheiratet.
Sie sind jedes Jahr 3 Monate in ihrem Ferienhaus in Südafrika, wo sie bis vor kurzem noch war.
Are you refugees?
No.
What you do here?
Artists.
Sie schimpft über den Präsidenten dort, der nicht mal Abitur habe und dass es so ungewöhnlich heiß dort war, wenig Wasser. Dreckiges Wasser.
„Everybody wants to go to South Africa, they are coming from whole Africa!
we are so overcrowded“
Damit verlässt sie den Zug.

Flüchtlingsheim, Siemensallee, 24.4.2017
Ich war noch nie in einer Flüchtlingsunterkunft, schon fremd. In den Gängen riecht es nach Essen, ein paar Ankündigungen im Treppenhaus,
wie im Studentenwohnheim.
Menschen sehe ich keine.
Dann finde ich den Kinderspielraum, sehe im Hintergrund eine große Schar Kinder tanzen, Walter.
Abgesperrt.
Zum Glück sieht mich eine der Assistentinnen.
Walter ist dabei mit einer sehr wilden Gruppe Kinder vor allem Jungs zwischen 6 und 11 Aufwärm-übungen zu machen.
2 Dozentinnen, normalerweise 3, begleiten diese Gruppe, es sind viele Kinder und viel Chaos.
Fetzen von gebrochenem Deutsch.
Andrea Marton erzählt, daß dies hier ihr Herzensprojekt ist, daß sie bisher über verschiedene Stiftungen finanzieren konnte.
Sie weist mich auf die Aggression vor allem der Jungen hin, die mir in dem allgemeinen Tohuwabohu gar nicht aufgefallen war.
Die kleinen Kerle schlagen heftig zu. Es herrscht große Konkurrenz, jeder will voran.
Dabei würden die Mädchen ganz an den Rand gedrängt.
Ich frage sie, ob die Arbeit hier, denn auch etwas bringe.
Ja, auf jeden Fall. Sie mussten allerdings Jungs und Mädchen trennen.
Aber die Kinder wären weicher geworden, könnten hier Kind sein, es wäre ein Raum für sie.
Sie hätten sonst keinen Raum, sie müßten immer mitlaufen. Die Mädchen hätten überhaupt keinen Raum gehabt, anfangs schleppten sie noch die Babies und Kleinkinder mit, weil die älteren Schwestern die Jüngeren erziehen müssen.
Das konnten sie unterbinden. In den Mädchenklassen könnten sie jetzt feiner arbeiten.

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Der Gedanke, gemeinsam Workshops zu geben, von dem ich ausging, scheint mir nicht so relevant.
Wenn dann zählt hier das Fremde, das Exotische und gleichzeitig auch das Verbindende.
3 Männer, selbstbewusst, Tänzer, die echt was können als Breakdancer, und schwarz!
Am Ende verabschieden sich einige junge Männer in der Mittelschule mit Schulterklopfen, Umarmung, Faust an Faust, wie sie es untereinander machen. Sie haben sie akzeptiert.
Andrea meinte, da käme sie nie hin als Frau und mit ihrem Unterrichtsstoff.
Klar.
Das würde bei mir auch nie funktionieren.
Als Dozentin und als Schülerin wäre es mir viel zu laut gewesen, viel zu chaotisch.
Als Teilnehmende hätte ich auch versucht, mich in die erste Reihe vor zu bewegen und direkt von Philipp ab zu schauen.
Oder wäre ausgestiegen wie einige Schüler.

Auch im Flüchtlingsheim. Hautfarbe spielt eine Rolle.
Mögen es verborgene Stereotypen sein.
Mit einer anderen Fremden, anderen Fremden scheinen sie sich weniger fremd zu fühlen.
Ist das so oder nur in meinen Gedanken?!? Oder nur heute so!?!

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