Kleider-Reise oder ein völkerverbindendes Dirndl

afrikanische stoffe
Am Hauseingang ein Zettel : Kleidersammlung – Kleider, Schuhe und Geschirr.
Wir sammeln für einen guten Zweck.

Ich muß grinsen und an Afrika denken.
Cafountine, ein kleiner Ort in Senegal, im Februar 2017.
Zum ersten Mal bin ich in Afrika und zum ersten Mal erlebe ich eine afrikanische Ortschaft, die aus wenigen Straßen besteht, meist auf einer Seite eine tiefe Rinne, bei Regen Abfluß, über ein Brett darüber geht man zu den Geschäften und Häusern.


Geschäfte sind aber auch die ausgebreiteten Decken am Boden voller Sachen.
Unter anderem Kleider und Schuhe.
Beim ersten Besuch fällt mir das kaum auf, sieht aus wie Flohmarktkram, wie von der Kleidersammlung, wie bei uns. Uninteressant.
Ich will die bunten afrikanischen Stoffe sehen, das Typische.
Beim zweiten Besuch sehr wohl, als ein senegalesischer Freund, sich allen Ernstes die Turnschuhe anschaut, Addidas, zumindest den Streifen nach, die der Verkäufer gerade aus einer grauen Mülltüte holt und auf die Decke kippt.
So kann man doch nicht Schuhe kaufen, das ist doch sicher keine Qualität.
10 Euro!
Das sind so die Preise für Schuhe und für dort ist das nicht billig.
Aber die Ware ist billig und jetzt fällt es mir wie Schuppen von den Augen.
Das ist!!! unser Flohmarktramsch, Ausschußware, Kleidersammlung.
Für einige Momente sprachlos.
Und das ziehen die an.
Die Kleider haben Reisen durchgemacht. Von den Müllsäcken vor der Tür über diverse Lagerhallen, Container, neu verteilt, umverteilt, um die halbe Welt gereist, in meinen Augen natürlich unter dubiosen Umständen in Afrika gelandet.
Ich stelle mir vor, dann bist du da, fern der Heimat, und dann hat da der schwarze Reiseführer das grauslige bunte Hemd an, das die Mama dem Papa endlich ausgeredet hat und schnell in den Kleidersammlungsack gestopft hat.
Ich schaue mir irritiert die Turnschuhe und anderen Auslaufmodelle an und bitte meinen senegalesischen Freund doch zu kommen, die anderen wären schon weit vorne.

Selber freundete ich mich in unserer Unterkunft bald mit dem Schneider und Kleiderverkäufer Ousmane an, einem langen eleganten Mann, der mit dem Kopf immer ein bißchen in den Wolken schien und einmal am Tag, wenn er betete, nicht ansprechbar war. Er ist Muslim.
Ousmane hängte jeden Tag bunte afrikanische Stoffe, Kleider, Hosen, Tücher und Taschen aus diesen Materialien oder handgebatikt auf Schnüren, die von Baum zu Baum gespannt waren, auf. Das ist sein Laden. Ein Holzschnitzer und ein Schmuckmacher hatten ihre Ware auf dem Boden oder einem Tischchen ausgebreitet.
Als ich nun mit ihm über ein wunderschönes tiefblaues handgefärbtes Tuch sprach, erfuhr ich über die Art des Handelns.
Der Verkäufer nennt einen Preis, der Käufer bietet deutlich weniger.
Man spricht zwischendurch über Bekannte, lobt die schönen Schuhe des Käufers, das Kleid der Frau, die vorübergeht, bietet einen neuen Preis, findet daß dem Käufer die Farbe außerordentlich gut stehen würde, zeigt aber noch weitere Modelle, verhandelt wieder neu. Am Ende, das kann dauern, kommt irgendein Preis zwischendrin heraus.
Erstmal machte mir das Spaß und nachdem ich französisch und Holländisch sprach, wurde ich gleich seine Assistentin.
Bald riefen die Leute nach mir, Barbara kannst du helfen.
Da standen wir dann zum Beispiel und ein junger IT-Spezialist überlegte ob er diese verrückte afrikanische Hose kaufen solle, die würde er doch nur einmal anziehen. Die Hose war bunt und aus aufwendigem Patchwork gemacht.
Der Holländer verdiente sehr gut und ich fand, daß er doch wirklich 15 Euro bezahlen könne, aber er feilschte um zwei Euro.
Nachher hatte er die Hose fast jeden Tag an und bekam auf jedem Tanzfest viel Aufmerksamkeit.
Als ich den anderen unter viel Lachen das Handeln erklärte und für meine holländische Freundin schon einen Preis für eine Tasche ausgemacht hatte, unterbot sie den noch um die Hälfte. Nein, das ist doch schon verhandelt!
Das stellte für einen Moment unsere Freundschaft auf die Probe.
Ich zog mich zurück aus dem Business.
Ousmane blieb völlig ruhig.
Irgendwann begriff ich, daß es um den sozialen Kontakt, das miteinander, das Handeln an sich ging. Das machte den Leuten Freude.
Aber, dachte mein deutsches Hirn, die müssen doch was verdienen, man muß doch von was leben. Kosten- Nutzen Aufwand!
Zuhause in München habe ich wenig Geschäftsinn.

Ich kaufte mir einige schöne Stoffe, leuchtend bunt und fröhlich, bei Ousmane.
Am Ende ließ ich mir daraus von ihm zwei Wickelröcke machen und stolzierte damit herum und die Holländer und Senegalesen fanden es sehr schick.
Auch meine Kleider-Kreation aus einer Tischdecke, die ich für meine Mutter in einer Bude gekauft hatte, wo sie mit Blättern und Gewürzen färbten und druckten, kam sehr gut an.
Wow!
Meine holländische Freundin und ich hatten uns blumige Taschen gekauft, in denen wir in Senegal alles transportierten.
Zurück in Europa begutachteten wir unsere Schätze und ich freute mich darauf, sie im Sommer zu tragen.
Betretene Blicke.
Die Stoffe waren immer noch schön, aber hier wirkten sie dünn und billig, schlecht genäht.
Die meiner Freundin noch mehr. Vor lauter neu gewonnenem Handelseifer hatte sie auf der Straße Stoffe gekauft, zu günstig. Ousmane erklärte mir die Unterschiede.

Wieder in München erzählte ich einer Freundin mit asiatischen Wurzeln davon. Sie antwortete, es gebe da so ein Geschäft mit Dirndln aus afrikanischen Stoffen. Wenn sie sich ein Dirndl kaufen würde, dann so eines.
Ob diese Stoffe gute Qualität sind? Bisher habe ich sie nicht beachtet, weil ich sie scheußlich finde und ein Dirndl mit afrikanischem Muster geht für mein bayrisches Empfinden gar nicht. Zumindest für mich nicht.
Aber für meine Freundin mit den indonesischen Gesichtszügen und der leicht braunen Haut könnte diese Kombination vielleicht sogar der Clou sein.
Ein völkerverbindendes Dirndl.

afrikanische stoffe

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s