Mein Bild von Afrika oder the sound of music

Als ich von einem 3 wöchigen Aufenthalt in Senegal zurückkam, in dem ich ganz in die Kultur, das Geschichten erzählen mit Musik und Tanz und das Leben dort eingetaucht war, sah ich in München auf einmal so viele Schwarze, die mir vorher gar nicht aufgefallen waren.
Als die Flüchtlingsdebatte hohe Wellen schlug, hatte ich schon einmal die Leute um mich herum beobachtet. Nur waren die 3 coolen jungen Männer in der S-Bahn absolute Bayern,
die schwarze Mutter mit ihren 2 Kindern schwäbelte, ein anderer war deutlich ein Geschäftsmann auf dem Weg zur Messe und die nächsten quakten amerikanisch oder sprachen eine mir unverständliche Sprache und kauften auf der Maximilianstrasse ein.

Es gibt so viele Schwarze wie Weiße.
Als ich in Senegal ankam, konnte ich die Menschen erst mal überhaupt nicht auseinanderhalten. Ein Reiseführer sagte zu mir: Die Menschen kommen und sehen uns nicht, es dauert einige Tage bis sie uns unterscheiden können.
So ging es mir auch.

Während unserer ersten Probenphase im HochX stellten wir einander Aufgaben.
Meine war: Eine Gruppe von Leuten und immer wieder einer wolle unbedingt auf die andere Seite in ein anderes Land, die anderen sollten versuchen ihn zurück zu halten oder mit zu gehen.
Ich dachte mir, daß meine ugandischen Kollegen gleich wild drauf los spielen würden wie deutsche Schauspieler. Sie lösten die Aufgabe eher tänzerisch und ganz anders als ich erst gedacht hatte.
Am Ende sprachen wir darüber.
Catherine stand aufrecht da und sagte ruhig aber auch mit einem gewissen Ärger, daß sie Schwierigkeiten hatte, sich in das Thema ein zu fühlen. Sie kenne das Gefühl nicht. Sie wolle überhaupt nicht weg aus ihrem Land.
Warum immer alle denken, daß alle Afrikaner weg wollten.

Da waren wir bei Stereotypen, die mir in der nächsten Zeit noch sehr oft begegnen sollten und immer war alles anders als gedacht.

Und ich begann nach zu denken über mein Afrikabild.
Catherine meinte, bei ihnen forme sich ein Bild von Europa über das Fernsehen.
Das war mir auch in Senegal aufgefallen.
Wer einen Fernseher hatte, schaute Fußball – die meisten können dir dort alle Spieler des FC Bayern nennen, ich kenne keinen einzigen – oder Wrestling oder eben Soaps. In einer Bar lief eine spanische Soap schlecht französisch synchronisiert. Die junge Barlady war völlig davon absorbiert.
Wer weiß, komme ich wieder dorthin und dann läuft da eine Serie, in der ich als Schauspielerin mitgewirkt habe, geschminkt, gestylt und die junge Frau würde mich blass mit Sonnenhut entweder nicht erkennen oder ausflippen.

Ja, die Afrikaner.
Auf einmal wurde mir bewußt, daß auch mein Bild über die Medien geformt wurde.
Hatte ich nicht gerade noch Traumschiff Tansania mit den Eltern geguckt und gedacht, wie wunderschön, aber so sah es in Senegal nicht aus. Statt grüner Weiten überall rote Erde. Statt prachtvoller wilder Tiere sah ich nur einen einzigen Affen, ein paar Vögel, frei herumspazierende Kühe mit großen Hörnern und wilde Hunde.
Tansania, Serengeti darf nicht sterben. Der große Tierschützer Professor Grizmek,
hatte ich da nicht als Kind auf Omas ersten Schwarz-weiß Fernseher ein paar Sendungen gesehen.
Dann später heimlich mit meiner Freundin ins Jugendheim geschlichen und Kino für Ältere mitgeschaut. Tarzan, der Affenmann, das der Amerikaner Jonathan Burrows 1912 schrieb, nachdem er das Dschungelbuch (Kipling 1898) und Kolonialberichte gelesen hatte, gepaart mit viel Phantasie. Er war nie in Afrika.

Was für ein gefährliches, abenteuerliches, fernes Land.
Dann kam die Kirche und der katholische Religionsunterricht.
Verhungernde Kinder ohne oder mit Tränen in den Augen, ungebildete Menschen.
Denen mußte geholfen werden. Das Bild vom armen Schwarzen bildete sich.
Nachrichten berichteten von Bürgerkriegen, Despoten und Schlächtern.

Warum hat mir nie jemand erzählt, daß Afrika so reich ist, daß es dort so viel stolze starke Menschen gibt, die eine eigene Kultur und eigene Lebensweisen haben und eigene Ideen, was gut für sie ist.

Spielen alle Deutschen beim FC Bayern. Nein!
Tanzen alle Deutschen in Lederhosen. Nein!
Die ugandischen Kollegen sagten, sie wollen die Leute mit den bayrischen Hosen tanzen sehen und ich solle ihnen doch die Tänze lernen.
Wie bitte?!
Einmal habe ich als Schauspielerin für Filmaufnahmen die Aufgabe des Dirndl beim Schuhplattln gelernt. Drehen, drehen, drehen.
Konnte ich es vorher, kann ich es noch, kann ich den Männerpart? Nein!

Auf beiden Seiten sind Vorstellungen, die sich irgendwie in den Köpfen der Leute geformt haben.

Bei mir ging es weiter mit „Out of Afrika“: Haare waschen mit Robert Redford und Meryl Streep.
Afrika bekam eine romantische Komponente.
Der englische Patient: Flugzeugabsturz in der Wüste mit Juliette Binoche und Liam Neeson.
Hier war das Drama.

Zu meiner Verwunderung erzählt mir ein bayrischer Schauspielkollege, daß er seit seiner Kindheit Reiseberichte und Geschichten von Afrika verschlinge.
Aber hinfahren würde er da nie. Viel zu gefährlich.

Das Gleiche sagte Catherine als wir am 29.4. 2017 in einer Runde saßen mit denLeuten aus Moosach, die für ein Kennenlernen ins Metatheater gekommen waren.
Sie habe auch erst sehr gezögert.
Ihr Bild wurde durch „The Sound of Music“ geformt.
Ruth Leuwerick oder Julie Andrews und die Trapp Familie.
Ich bin in der Nähe von Salzburg aufgewachsen, meine Oma war Österreicherin.
In all meiner Kindheit und Jugend hatte ich nie etwas davon mitbekommen.
Erst 2015, als ich eine kleine Rolle in einem internationalen Fortsetzungsfilm zur Trapp-Geschichte hatte, wurde ich mir dessen bewußt.
Von Holländern hatte ich gehört,daß sie mit Sound of Music singen lernen: Do re mi fa so la ti do. In Holland fragte mich mal ein Brasilianer, ob ich auch so weiße Brüste wie bei Sound of Music hätte. War das ein Porno?
Und dann wachsen Ugander mit diesem Bild der harmonischen Familie, den hübschen Lieder und schönen Bergen und Trachten auf.
Wer hätte das gedacht!?

Ja und wer hätte gedacht, daß Josef Eder, der beim Treffen im Metatheater Moosach dazukommt und das Jodeln mitbringt, dies wieder gemeinsam mit Tarzan hat.
Wenn Tarzan sich seit Anfang des letzten Jahrhunderts über Lianen schwingt, in über 50 Sprachen übersetzt wird, Filme, Comics, Serien, Musical, Videospiele und dabei jodelt : „Jiaouäää! “
Und wir, um die Afrikaner aus ihrem gewohnten Tanzschema zu bringen, nun :
„Ji o u ä. Dulli ä“ probieren zu, äh, jodeln, dann sind Afrika und Bayern und die Phantasie des nie in Afrika gewesenen amerikanischen Schriftstellers Edgar Burrows auf einmal sehr nah.
Josef erzählt, daß man früher das Jodeln gebrauchte um von Berg zu Berg zu kommunizieren, ein Juchizer dazu.
Uuaa! Würde Tarzan schreien.
Doch wenn hier jemand behaupten würde, Tarzan habe das Jodeln erfunden, dann würde ein echter Bayer, selbst wenn er keinen Ton hervorbringt, sich vehement wären. Des glab i ned!

Wir verbinden das Jodeln mit Bewegungen, fremd und schwierig für dunkle Haut und helle Haut. Die Moosacher schauen erstaunt zu. Bekannt und doch fremde Töne.
Das klingt wie, aber ….

(Photo: ©Ingried Siegel)

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